70 Jahre Volksfest „Ich kann mich noch an das erste erinnern!“
Foto + Interview: Benjamin Franz
     
 
70 Jahre Volksfest    

„Ich kann mich noch an das erste erinnern!“

   

Die Stadtpfarrkirche St. Jakob, das Chamer Freibad oder die Blaue Regenbrücke liegen dem Altbürgermeister Leo Hackenspiel zu Füssen. Der Blick von seinem Balkon im vierten Stock auf dem Schulberg ist atemberaubend. Vermutlich ein Grund warum der 79jährige so jung geblieben ist, denn einen Aufzug in Leo´s Reich gibt es nicht. Leo Hackenspiel ist in Cham zur Schule gegangen, hat in Regensburg studiert und wurde Lehrer. Unter anderem war er an der Johann-Brunner-Schule tätig.

1984 kandidierte Leo Hackenspiel für das Amt des Bürgermeisters und wurde auf Anhieb gewählt. Er hat die Geschicke der Kreisstadt 24 Jahre maßgeblich bestimmt. Nach seiner Pensionierung ist er noch immer noch engagiert als Vorsitzender der Lebenshilfe, im Kreisrat und in vielen Vereinen. Das Chamer Volksfes war dem Altbürgermeister und Ehrenbürger immer ein besonderes Anliegen. Grund genug um den Zeitzeugen Leo Hackenspiel nach seinen Erlebnissen zu befragen.

Das Volksfest wird 70 Jahre alt, kannst Dich als Kind an Deinen ersten Volksfestbesuch erinnern?
„Ich war 9 oder 10 Jahre alt und mir stand der Mund offen vor Staunen. Eine Schiffschaukel die sich überschlägt, des war unwahrscheinlich aufregend. Im Bierzelt war damals kein Boden. Das stand auf der Wiese und für Bänke und Tische hat man Pfosten in die Erde gerammt.

„O´zapft is…!“ Wie oft hast du als Bürgermeister das Volksfest eröffnet?
Ich habe alle 24 Amtsjahre o´zapft und war während der Festtage jeden Abend im Bierzelt um Gäste zu begrüßen. Aus allen Teilen der Welt hatten und haben wir Besucher da. Ob Südamerika oder China, Freunde der regionalen Firmen oder Touristen, ein Gruß von der Bühne belegt die Chamer Herzlichkeit, das war mir wichtig. Übrigens hatte ich anfangs noch große Fässer zum Anzapfen. Die wurden herbeigerollt und da kann sich jeder vorstellen was für ein Druck da drauf war.

Gibt es zurückliegende Festerlebnisse die Dir besonders in Erinnerung geblieben sind?
2001 hatten wir in Cham die kleine Landesgartenschau und zeitgleich das Volksfest. Trotz vieler Bedenkenträger war das für beide Veranstaltungen ein riesiger Erfolg. Die BR Radeltour endete 1995 in Cham und brachte Radsportler aus dem ganzen Bayernland auf das Volksfest.

Hat sich das Volksfest in diesen 70 Jahren verändert?
Ja, Et tempora, mutantur, die Zeiten ändern sich Die Jugend ist heute im Festzelt viel stärker vertreten als zu Zeiten wo es nur Blasmusik gab. Heute haben wir an manchen Tagen Showbands und das merkt man sofort am Publikum. Das ist natürlich eine Gradwanderung, aber ich glaub in Cham gelingt uns das recht gut. Und wem es zu laut wird, für den haben wir um das Bierzelt 1000 Außenplätze.

 

Welchen Stellenwert hat so ein gemeinschaftsbild- endes Ereignis in der heutigen Zeit?
Es ist das Fest, wo das Volk zusammenkommt. Man glaubt es ja kaum, aber es leben im Chamerland rund 40 Nationen zusammen und nebenher, das Volksfest bringt sie alle zusammen. Alt und Jung, Zugezogene oder Weggezogene die den Anlass nutzen, Bekanntschaften zu machen oder alte Bekannte wieder zu treffen.

Vieles wird heute über den finanziellen Erfolg bemessen, wie kann man das mit dem Anspruch der Traditionspflege unter einen Hut bringen?
Der Verein hat ja nicht den Ziel Gewinn für sich zu machen, muss aber finanzielle Mittel zurückhalten für etwaige Notfälle. Es gibt Programmpunkte wie den großen Festzug „Klingendes Cham“ die kosten uns Geld oder die Sondertage für Kinder und Senioren. Das ist dem Volksfestverein aber wichtig, diese Tradition wollen wir beibehalten.

Freut es Dich dass so viele junge Leute heute wieder mit Tracht ins Bierzelt gehen?
Mir gefällt das ungemein, das ist ein Trend der am Oktoberfest begonnen und sich bis auf die kleinsten Dorffeste fortsetzt. Und wer sich ein schönes Trachtengwand kauft, will es natürlich auch so oft wie möglich tragen und zeigen. Das bringt Besucher aufs Volksfest und das freut uns.

Du giltst als Bierexperte, ist das Festbier immer nach Deinem Geschmack?
Dafür gibt es ja vor dem Fest die Bierprobe und ich hab meine Vereinskollegen schon angemahnt diese Tradition auch ernst zu nehmen. Ich liebe das herbe Bier, also mit etwas mehr Hopfen gebraut. Das Gros der Gäste bevorzugt aber sicher ein liebliches Bier. Aldersbacher meistert diesen Spagat sehr gut. Das Festbier ist eine Klasse für sich.

Was hebt das Chamer Volksfest von den vielen Festveranstaltungen in der Region heraus?
Den Termin Ende Juli Anfang August haben die Verantwortlichen damals nach den günstigsten Wetterprognosen festgelegt, also in der Regel haben wir Wetterglück beim Volksfest. Das große Musikfest „Klingendes Cham“ erfreut sich auch großer Beliebtheit und versammelt Musikvereine aus dem gesamten Region in der Kreisstadt. Und man darf gespannt sein was uns zum 70jährigen Jubiläum wieder für ein prächtiges Brilliantfeuerwerk erwartet.

Was wünschst du Dir für das anstehende und Fest?
Das die Besucher Heiterkeit und Ausgelassenheit auf unserem schönen Volksfest finden.